Unser pädagogisches Konzept
1. Einführung
Die schillernde und phantasievolle Welt des Zirkus´ faszinierte Kinder und Erwachsene seit jeher. Mit seinem Flair und seinem Hauch von Exotik weckt der Zirkus die Neugier insbesondere von jungen Menschen.
Die Motivation von Kindern und Jugendlichen, in verschiedene Rollen zu schlüpfen, Zirkuskünste zu erlernen, diese vor einem Publikum zu zeigen und somit in die geheimnisvolle Zirkuswelt einzutauchen, ist daher besonders groß.
In den letzten Jahren wurde der hohe pädagogische Wert der Zirkusarbeit zur Förderung der Persönlichkeit und des sozialen Lernens von Kinder und Jugendlichen zunehmend auch in Fachkreisen anerkannt.
Seitdem ist ein sprunghafter Anstieg der Tätigkeiten im Bereich des Kinder- und Jugendzirkus´ zu verzeichnen.
In Sportvereinen, Jugendzentren, Schulen, Kinderheimen oder Kirchengemeinden gibt es mittlerweile viele längerfristige Zirkusprojekte.
Gab es vor 10 Jahren nur einige wenige Zirkusgruppen in Deutschland, so sind es heute bereits mehrere hundert, in denen mehrere tausend Kinder und Jugendliche regelmäßig trainieren und die faszinierende Zirkuswelt immer wieder aufs Neue erleben.
Der Kinder- und Jugendzirkus Paletti wurde im März 1997 gegründet. Nach der Zugehörigkeit zum Stadtjugendamt Mannheim ist er seit Januar 2004 ein eingetragener gemeinnütziger Verein und als Sportverein Mitglied im Badischen Sportbund und im Badischen Turnerbund. Zur Zeit trainieren 50 Kinder und Jugendliche im Alter von 8-20 Jahren in zwei Gruppen („Palettinis“ und „Palettis“) jeweils einmal wöchentlich für zwei Stunden in der Berta-Hisch-Sporthalle in Mannheim – Im Rott unter Anleitung mehrerer erfahrener Trainer verschiedene Zirkuskünste, wie z.B. Einradfahren, Akrobatik, Jonglage, Seiltanz oder Trapezartistik.
2. Allgemeine pädagogische Zielsetzungen
Zirkus soll in erster Linie Spaß machen. Das Können und die individuellen Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen sind dabei die Ausgangspunkte. Unter dem Prinzip der Freiwilligkeit werden diese in einer spielerischen Form gefördert und weiterentwickelt.
Egal ob als Jongleur, Akrobat, Einradfahrer, Seiltänzer, Trapezkünstler – Aufgrund der großen Vielfalt der Zirkustechniken findet jeder einen Platz im Zirkus, ob dick oder dünn, klein oder groß, stark oder schwach.
Die Kinder und Jugendlichen lernen an einer Sache, die sie fasziniert und ihnen Spaß macht. Ohne Leistungsdruck können sie eigenen Interessen nachgehen; nicht selten entdecken sie dabei verborgene Fähigkeiten und Talente. Gerade auch für leistungsschwache und verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche bietet der Zirkus so eine Möglichkeit, sich Bestätigung und Anerkennung zu holen.
Kooperation und gegenseitiges Vertrauen werden in der Zirkusarbeit ebenso gefördert wie Kreativität und Phantasie, die beispielsweise bei der Gestaltung neuer Nummern gefragt sind. Ohne Ausdauer, Konzentration und Disziplin ist das Erlernen neuer Techniken nicht möglich. Die Kinder und Jugendlichen erfahren ihre eigenen Grenzen und erweitern diese ständig bei immer schwerer und komplizierter werdenden Tricks. Grob- und Feinmotorik werden ebenso wie das Gefühl für den eigenen Körper geschult und entscheidend verbessert. Nicht zuletzt gewinnen die jungen Artisten dadurch bedeutend an Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein.
Letztlich bekommen die Kinder und Jugendlichen Anregungen, wie sie ihre Freizeit aktiv und sinnvoll verbringen können.
3. Zielgruppe und Dauer der Teilnahme
Im Zirkus Paletti können grundsätzlich alle Kinder und Jugendlichen ab 7 Jahren teilnehmen. Kinder, die neu aufgenommen werden, sollen in etwa das Durchschnittsalter einer der beiden Gruppen haben. Ausnahmen hierzu können gemacht werden.
Die Dauer der Teilnahme ist nur durch das Alter begrenzt. Die Altershöchstgrenze liegt bei 21 Jahren. Aufgrund der beschränkten Teilnehmerzahl von insgesamt 50 Kindern und Jugendlichen in zwei Gruppen und des wesentlich größeren Bedarfs an Teilnahmeplätzen wird eine Warteliste geführt.
4. Die Säulen in der Arbeit des Zirkus Paletti
4.1 Das Training
Es existieren zwei Trainingsgruppen („Palettinis“ und „Palettis“) mit jeweils ca. 25 Kindern bzw. Jugendlichen. Die Einteilung erfolgt nach dem Alter, nicht nach Leistung. Dadurch sind die Gruppen altershomogen und das Training kann altersgerecht gestaltet werden, da sich die Bedürfnisse, Vorstellungen und Wünsche von Kindern bzgl. der Trainings- und Nummerngestaltung oft stark von denen der Jugendlichen unterscheiden.
Nach einer anfänglichen Spiel- bzw. Aufwärmphase trainieren die Teilnehmer zwei Zirkustechniken, für die sie sich entschieden haben. Diese Techniken werden einige Monate trainiert, danach können neue Disziplinen gewählt werden. Diese längerfristige Festlegung auf die trainierten Techniken ermöglicht es den Kindern und Jugendlichen, sich intensiv mit den gewählten Disziplinen auseinander zu setzen und die für Lernprozess und Motivation wichtigen Erfolge schneller zu erzielen, als dies bei einem ständigen Wechsel der Fall wäre.
Ein Wechsel, nachdem die Wahl der Techniken erfolgt ist, ist grundsätzlich nicht möglich, kann jedoch im Einzelfall nach Rücksprache mit den Trainern erfolgen.
Regelmäßig können die Teilnehmer auch in offenen Trainingsstunden andere Techniken ausprobieren und trainieren.
Neu beginnende Kinder / Jugendliche können in zwei bis drei Trainingsstunden die verschiedenen Disziplinen ausprobieren, sollen sich dann aber auf zwei Techniken festlegen.
Durch den relativ hohen Betreuerschlüssel (4-5 Trainer bei einer Gruppenstärke von 25 Kindern bzw. Jugendlichen) wird eine intensive Förderung der Kinder gewährleistet.
4.2 Zirkusvorstellungen und Auftritte
Einen besonders wichtigen Baustein in der Zirkusarbeit bilden die einzelnen von Zirkus Paletti gestalteten Zirkusvorstellungen und Auftritte.
Hier haben die Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit, ihr Können einem breiten Publikum zu zeigen und so das Ergebnis ihrer Proben und des oft jahrelangen Trainings zu präsentieren.
Das Selbstbewusstsein wird gerade hier besonders gestärkt. Die jungen Artisten bekommen viel Anerkennung von ihren Zuschauern, zudem bringen die Auftritte Motivation durch einen zielorientierten Arbeitsprozess.
Der Zirkus Paletti führt ca. alle zwei Jahre eine eigene große Zirkusveranstaltung durch.
Die speziellen Vorbereitungen dafür beginnen bereits 9-10 Monate vor der eigentlichen Veranstaltung.
Zunächst wird zusammen mit den Artisten eine märchenhafte Geschichte erfunden, die die Grundlage für die Aufführungen bildet.
In Zusammenarbeit mit Fachleuten aus dem Theater- bzw. Tanz- und Choreografiebereich werden – ausgehend von den Ideen der Kinder und Jugendlichen – Charaktere, Bewegungen und Choreographien entwickelt. All dies wird bei der Gestaltung der einzelnen Zirkusnummern mit einbezogen und mit den technischen Fertigkeiten in den einzelnen Zirkusdisziplinen kombiniert.
Passend hierzu werden von den Artisten und Trainern mit Unterstützung der Eltern Kostüme, Maske und Bühnenbild entworfen und gefertigt. Entsprechende Musikauswahl und Beleuchtungstechnik vervollständigen diese Produktionen zu einem einheitlichen Ganzen.
Die künstlerische Kreativität der Kinder und Jugendlichen, sowie die Fähigkeit, abstrakt zu denken, werden hierdurch in besonderem Maße gefördert.
Diese aufwändigen Zirkusvorstellungen fanden bisher teils auch in eigens dafür angemieteten Zirkuszelten statt.
Neben diesen großen Aufführungen treten die Artisten auch bei Zirkusfestivals sowie – auf Anfrage – auch bei anderen Veranstaltungen wie z.B. Firmenfesten und Feierlichkeiten aller Art auf, bei denen einzelne Nummern bzw. Ausschnitte aus dem jeweils aktuellen Programm gespielt werden.
Darüber hinaus werden auch Mitmachzirkus-Angebote für Kinder durchgeführt.
Beim Publikum erfreuen sich die Zirkusvorstellungen und anderen Auftritte großer Beliebtheit. So sahen die letzten Programme „SeifenblasenAbenteuer“ und „Glumagasse 11“ (2004) 1.700 kleine und große Zuschauer aus der Region.
Zu den zusammen mit Zirkus „Bachelli“ und Zirkus „Aladin“ (Mannheim) organisierten Kinder- und Jugendzirkusfestivals „Salto der Sterne“ (Europäisches Zirkusfestival, 2000) sowie zu „Stadt, Land, Zirkus“ (1. Baden-Württembergisches Zirkusfestival, 2002) kamen insgesamt ca. 7000 Besucher.
4.3 Austausch mit anderen Zirkusgruppen
Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Arbeit des Zirkus Paletti ist der Austausch mit andern Zirkusgruppen.
Durch die Organisation von Zirkusfestivals und Zirkustreffen (bzw. die Teilnahme an solchen), durch Zirkus-Austausch-Programme (z.B. mit dem Partnerzirkus Miraculix in Husum) oder gemeinsames Training und Kooperation mit befreundeten Zirkusgruppen aus der Region wird diesem Gedanken Rechnung getragen.
Das Kennenlernen anderer Gruppen und damit anderer Kinder und Jugendlichen mit den gleichen Interessen bringt nicht nur Motivation und neue Impulse für die Zirkusarbeit, vielmehr werden auch Freundschaften geschlossen, oder es wird zum Erlernen fremder Sprachen motiviert, wie dies beispielsweise bei der Teilnahme an internationalen Zirkusfestivals in Frankreich und Belgien bereits der Fall war.
4.4 Andere Aktionen
Außer den planmäßigen Trainingsstunden finden ggf. zusätzliche Trainingseinheiten statt, ebenso werden von Zeit zu Zeit Workshops unter professioneller Anleitung angeboten, z.B. Tanz/Choreografie, Percussion, Theater, Clownerie.
Darüber hinaus wird bei gemeinsamen Trainingswochenenden und Freizeiten mit Übernachtung sowie bei anderen Ausflügen und Veranstaltungen (z.B. Familien-Einrad-/Fahrradtour, gemeinsamer Schwimmbadausflug, Tag im Hochseilgarten etc.) das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gruppe wesentlich gestärkt.
4.5 Übertragung von Verantwortlichkeiten an Jugendliche
Insgesamt soll das selbständige und selbstverantwortliche Arbeiten der Kinder und Jugendlichen gefördert werden.
Der Zirkus Paletti ist eine auf Dauer angelegte Einrichtung. Insbesondere die älteren Jugendlichen sollen deshalb in organisatorische Abläufe mit einbezogen werden, um nach und nach die Aufgabenbereiche des jetzigen Organisations- und Trainerteams übernehmen zu können.
Ein entscheidender Schritt dafür war die Eröffnung einer zweiten Gruppe („Palettinis“) mit vorwiegend kleineren Kindern im September 2002. Hier haben bereits ältere Jugendliche der ersten Gruppe das Training sowie die Betreuung der Kinder in wesentlichen Teilen übernommen.
Darüber hinaus ist geplant, durch eine Erweiterung der Angebote des Zirkus Paletti, interessierten Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, sich in pädagogischer sowie organisatorischer Sicht einzubringen und zu schulen.
4.6 Elternarbeit und Elternengagement
Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Arbeit im Zirkus Paletti ist die Einbeziehung der Eltern und deren Engagement, das auch ausdrücklich gewünscht wird.
Ohne die Mitarbeit der Eltern und deren überdurchschnittliches Engagement wären viele Aktionen und Auftritte, insbesondere die Vorbereitung und Durchführung der großen Aufführungen und Festivals nicht möglich.
Kostüme schneidern, Bühnenbild bauen, Plakatierung, Licht, Fotos und Video, Zirkuscafé und Finanzen bei den großen Aufführungen sowie Requisitenbau und -instandhaltung sind nur einige der vielen wichtigen Tätigkeiten, welche die Eltern übernehmen.
Durch die Einbindung der Eltern identifizieren sich diese mit den Tätigkeiten ihrer Kinder und dem Zirkus als solchem.
Dadurch werden viele Aktionen im Zirkus Paletti zu Familienerlebnissen.
Einmal jährlich wird ein Elternzirkus-Wochenende angeboten, an dem die Eltern die Zirkustechniken, die ihre Kinder im wöchentlichen Training einüben, unter Anleitung der Trainer selbst ausprobieren können.
5. Die Trainer
Die Trainer sind zum Teil über ihre Tätigkeit im Zirkus Paletti hinaus auch in der Kleinkunst- und Artistikszene aktiv und entstammen teilweise selbst dem Kinder- und Jugendzirkusbereich (insbesondere die Jugendtrainer). Sie können so ihre große Erfahrung in den Zirkus einbringen. Außerdem besuchen sie regelmäßig selbst Jonglage- und Artistiktreffen bzw. Workshops aus dem Theater-, Tanz- und Showbereich, um sich fortzubilden.
Um die pädagogische Qualität der Zirkusarbeit zu sichern, werden auch diesbezügliche Fortbildungsveranstaltungen besucht; das aktuelle Geschehen in den Trainingsstunden sowie die Trainingsinhalte werden in regelmäßigen Teamtreffen besprochen.
Die Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen wird vom Verein in hohem Maße bezuschusst.
Darüber hinaus muss jeder Trainer die Teilnahme an einem Erste-Hilfe-Lehrgang nachweisen.